Im Interview: Steffi Amelung, Abteilungsleiterin Berufsbildung bei der Handwerkskammer Potsdam

Foto: HWK Potsdam/Michael Lüder
Frau Amelung, haben Sie einen Tipp für Jugendliche, die noch nicht sicher sind, welchen Beruf sie ergreifen sollen?
Bei der Handwerkskammer haben wir Ausbildungsberater als Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Ausbildung. Sie helfen auch bei der Berufsorientierung. Wichtige Anlaufpunkte für Schülerinnen und Schüler sind außerdem unser Azubi-Speed-Dating und Ausbildungsmessen. Das beste Instrument aber, um Einblick in einen Beruf zu bekommen, ist ein Praktikum. Da kann man sich ausprobieren und in kurzer Zeit feststellen, ob einem der Beruf liegt und Spaß macht. Das praktische Ausprobieren ist unheimlich wichtig.
Geht es da um das Pflichtpraktikum in der neunten Klasse?
Das ist ein sehr wichtiges Instrument. Darüber hinaus gibt es aber auch für Schulen die Möglichkeit, eine zusätzliche freiwillige Praktikumswoche in der achten oder zehnten Klasse einzurichten. Und unabhängig davon haben Schüler die Möglichkeit, in der Ferienzeit individuell ein Praktikum in einem Betrieb zu machen. Eine Woche reicht in der Regel, um sich kennenzulernen und festzustellen, ob die Chemie stimmt. Aus Umfragen wissen wir, dass zu zwei Dritteln das Praktikum für die Auswahl des Ausbildungsberufs verantwortlich war.
Welche Rolle spielen die Eltern bei der Berufswahl ihrer Kinder?
Sie sind in dieser Frage wichtige Personen. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder und viele haben immer noch als idealen Weg das Studium im Kopf. Es gibt da aber ein Umdenken. Eine Ausbildung ist kein Plan B für die Lebensgestaltung, sondern ermöglicht viele Karrierewege, einschließlich des Meistertitels. Es gibt Studien, die belegen, dass Handwerker im Durchschnitt besonders glücklich sind, weil sie im Beruf viel Wertschätzung erhalten.
Wie sind die Chancen, jetzt eine Lehrstelle im Handwerk zu finden?
Auf der kostenfreien Lehrstellenbörse der Handwerkskammer haben wir aktuell knapp 900 freie Ausbildungsplätze in 63 Berufen. Bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen gibt es im Handwerk ein Plus von 6,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, entgegen den Entwicklungen in anderen Bereichen. Das freut uns sehr.
Und welche sind die Top-Ausbildungsberufe im Handwerk?
Wenn es um die Zahl der Ausbildungsplätze geht, stehen die technischen Berufe ganz vorne. An erster Stelle die der Kfz-Mechatroniker, gefolgt von Anlagenmechanikern für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik und Elektronikern. Gefragt sind auch die Bauberufe. Ein aktueller Trendberuf ist der Dachdecker. Da gibt es steigende Zahlen und ein sehr hohes Interesse bei Bewerbern.
Was erkennen Sie ansonsten an Bewegung bei den Berufsfeldern?
In vielen Berufen spielt die Digitalisierung eine große Rolle. Darunter sind auch einige Berufe im Gesundheitshandwerk wie Zahntechnik oder Hörakustik, aber auch zum Beispiel im Baubereich. Für junge Menschen ist es interessant, wenn der Beruf auch Anforderungen stellt. Für viele ist zudem Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema. Etwas Sinnvolles im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu machen, ist in vielen Handwerksberufen möglich.
Unsere Welt ist von vielen Krisen betroffen. Wie krisensicher ist da das Handwerk?
Gerade in der Krise zeigt sich die Stärke des Handwerks. Es wird immer gebraucht. Es ist im Alltag zu sehen, dass die Nachfrage nach Handwerksleistungen bleibt, auch wenn anderswo vieles in Bewegung ist. Handwerk hat goldenen Boden, heißt es. Das ist weiter aktuell und darauf kann man sich verlassen.
Interview: Ulrich Nettelstroth