Interview mit Steffi Amelung, Abteilungsleiterin Berufsbildung bei der Handwerkskammer Potsdam

Foto: HWK Potsdam/Michael Lüder
Frau Amelung, warum lohnt es sich, eine Ausbildung im Handwerk zu beginnen?
Das Handwerk ist heute so vielfältig wie nie. Es gibt rund 130 Ausbildungsberufe – von der Augenoptikerin, Tischlerin über den Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizung-, Klimatechnik bis zur Mediengestalterin oder dem Elektroniker. Dazu kommen große Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Energiewende, bei denen das Handwerk eine Schlüsselrolle spielt. Wer jetzt einsteigt, arbeitet an Aufgaben, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Und: Nach einer abgeschlossenen Ausbildung stehen die Chancen auf einen sicheren Arbeitsplatz ausgezeichnet, weil Fachkräfte gesucht werden.
Viele junge Leute schwanken zwischen Studium und Ausbildung. Wie können sie herausfinden, was passt?
Am besten durch Ausprobieren. Ein Praktikum zeigt sehr schnell, ob ein Beruf Freude macht. Wer merkt, dass er gerne praktisch arbeitet, mit Material umgeht oder kreativ gestalten möchte, findet im Handwerk oft den richtigen Platz. Und die Entscheidung ist nicht endgültig: Nach einer Ausbildung kann man den Meister machen oder ein Studium aufnehmen. Der Meisterabschluss ist im Deutschen Qualifikationsrahmen gleichwertig mit einem Bachelor Professional Abschluss – das ist vielen gar nicht bewusst. Ein weiterer Vorteil: Schon während der Ausbildung gibt es vom ersten Tag an eine Vergütung.
Welche Perspektiven eröffnen sich nach der Gesellenprüfung?
Die Gesellenprüfung ist nur der erste Schritt. Danach kann man eine Fortbildung zum Meister anschließen, selbst ausbilden und Wissen weitergeben, studieren oder den Schritt in die Selbstständigkeit wagen – indem man einen Betrieb gründet oder übernimmt. Gerade durch den demografischen Wandel suchen viele Betriebe Nachfolgerinnen und Nachfolger – eine große Chance für junge Leute, sich selbst zu verwirklichen und Verantwortung zu übernehmen und ein eigenes Unternehmen zu führen.
Wie unterstützt die Handwerkskammer Potsdam Jugendliche auf diesem Weg?
Die Handwerkskammer Potsdam begleitet junge Menschen und ihre Eltern von Anfang an. Über unsere Lehrstellenbörse vermitteln wir Ausbildungsplätze und beraten zu allen Fragen rund um den Start ins Berufsleben. Unsere Lehrstellenberaterinnen und Lehrstellenberater der „Passgenauen Besetzung“ knüpfen Kontakte zu Betrieben, beraten auf Messen, beim Berufe Speeddating oder persönlich und unterstützen bei den Bewerbungsunterlagen. Zusätzlich bieten wir digitale Elternabende an, um Familien die Perspektiven im Handwerk aufzuzeigen. Während der Ausbildung stehen wir auch bereit, wenn es einmal Schwierigkeiten gibt. Unser Ziel ist klar: Jede und jeder soll die Ausbildung erfolgreich abschließen und die eigenen Chancen bestmöglich nutzen.
Wie viele Ausbildungsplätze gibt es aktuell noch?
In westbrandenburgischen Handwerksbetrieben sind derzeit rund 900 Ausbildungsplätze frei. Ein Einstieg ist noch bis zum 31. Oktober möglich. Wer sich also kurzfristig entscheidet, kann noch in diesem Jahr eine Ausbildung beginnen – die Betriebe freuen sich über motivierte Bewerberinnen und Bewerber.
Welchen Rat geben Sie Jugendlichen, die noch unsicher sind?
Unbedingt ein Praktikum machen. In kurzer Zeit merkt man, ob ein Beruf passt. Wer zum Beispiel ein Praktikum im Elektro- oder SHK-Handwerk macht, erlebt, wie spannend es ist, moderne Energie- und Gebäudetechnik zu installieren. Viele Praktikantinnen und Praktikanten erhalten anschließend direkt ein Ausbildungsangebot – das ist die beste Entscheidungshilfe. Mein Tipp: Im eigenen Umfeld schauen, welche Betriebe ausbilden, hingehen, nachfragen oder parallel in unserer Ausbildungsbörse nach freien Stellen suchen. Praktika sind ein zentraler Baustein der Berufsorientierung, weil sie Jugendlichen konkrete Einblicke geben, die kein Flyer und keine Website ersetzen können. Als Handwerkskammer Potsdam setzen wir uns im Übrigen seit Langem bei der Landesregierung dafür ein, dass junge Menschen für ihre Praktika eine Prämie erhalten – als Motivation, sich frühzeitig mit Berufen im Handwerk auseinanderzusetzen.
Und welchen Tipp geben Sie Eltern?
Eltern sollten die Stärken ihrer Kinder ernst nehmen. Nicht jeder muss studieren, um erfolgreich zu sein. Eine Ausbildung im Handwerk bietet Sicherheit, gute Einkommen und viele Aufstiegsmöglichkeiten. Gerade die Themen Digitalisierung und Energiewende zeigen: Handwerk ist modern und anspruchsvoll. Die duale Ausbildung ist ein gleichwertiger Bildungsweg – und kein Plan B.